Nach der Rodung: Initiative Osthang bleibt kritisiert das Vorgehen der Stadt Darmstadt

Mit einem Großaufgebot rĂ€umte die Polizei am 19. Februar den besetzten Osthang. Die Stadt Darmstadt verschwendete keine Zeit und ließ die BĂ€ume, die die Menschen zu schĂŒtzen versuchten, direkt im Nachgang fĂ€llen. Nach der Rodung veröffentlichte die Initiative Osthang Bleibt das folgende Statement.

Rodung am Osthang vollzogen – offene Fragen bleiben

Am heutigen Tag [19.02.2026] wurde der Osthang der Mathildenhöhe gerodet. FĂŒr uns ist dies ein schmerzhafter und einschneidender Moment.

Wir sind erleichtert, dass nach aktuellem Kenntnisstand niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist. Angesichts der angespannten Situation vor Ort ist das keine SelbstverstÀndlichkeit.

Polizeieinsatz und VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit

Nach unseren Beobachtungen waren rund 400 EinsatzkrĂ€fte am Osthang im Einsatz. Wir bitten die Stadt um eine transparente Darstellung der zugrunde liegenden GefahreneinschĂ€tzung und eine nachvollziehbare Bewertung der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit im VerhĂ€ltnis zur konkreten Lage vor Ort. Polizeifahrzeuge standen ĂŒber Stunden mit laufenden Motoren im Einsatzbereich. Gerade in einer klimapolitisch sensiblen Auseinandersetzung wirft dies Fragen auf.

Intransparenz beim Artenschutz

Besonders irritierend bleibt die Kommunikation der Stadt im Hinblick auf den Artenschutz. Am 13.02.2026 kĂŒndigte die Wissenschaftsstadt Darmstadt an, den Osthang ab dem 18.02.2026 per AllgemeinverfĂŒgung zu sperren, zu rĂ€umen und zu roden.

Erst auf unsere kurzfristige Anfrage nach dem Hessischen Umweltinformationsgesetz wurde mitgeteilt, dass der Unteren Naturschutzbehörde eine artenschutzrechtliche Stellungnahme zum Fund eines Bergmolchs vom 16.02.2026 vorliegt, erstellt durch das BĂŒro PGNU. Diese Stellungnahme wurde uns trotz ausdrĂŒcklicher Anfrage bislang nicht vorgelegt.

Ohne Offenlegung der zugrunde liegenden fachlichen Bewertung ist eine unabhĂ€ngige PrĂŒfung fĂŒr Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft nicht möglich. Bei irreversiblen Eingriffen in Natur und Landschaft sollte insbesondere in diesem Prozess Transparenz selbstverstĂ€ndlich sein.

Politisches Timing und Verantwortung

Die AllgemeinverfĂŒgung wurde wenige Wochen vor der Kommunalwahl veröffentlicht und vollzogen. Gerade in einer aufgeheizten Situation wĂ€re eine zeitliche Entzerrung oder eine moderierte politische KlĂ€rung denkbar gewesen. Wir fragen, warum dieser Weg nicht gewĂ€hlt wurde.

Besonders kritisch sehen wir, wenn öffentliche Kommunikation und Wahlkampfrhetorik miteinander vermischt werden. Wenn Stadtrat Wandrey (CDU) im Kontext dieser Auseinandersetzung Wahlkampfslogans wie „Wir holen die Stadt zurĂŒck“ verwendet, belastet dies die notwendige Sachlichkeit. Politische Verantwortung verlangt gerade in polarisierten Situationen ZurĂŒckhaltung und IntegritĂ€t.

Landschaftsarchitekturwettbewerb und Beteiligung

Parallel zur Rodung werden derzeit die EntwĂŒrfe des Landschaftsarchitekturwettbewerbs fĂŒr das Umfeld des geplanten Informationszentrums ausgestellt – jedoch nur bis zum 01.03.2026, ohne geplante transparente Veröffentlichung der Ergebnisse. Die beiden SiegerentwĂŒrfe spiegeln aus unserer Sicht weder ausreichende Partizipation noch eine klare Gemeinwohlorientierung wider. Stattdessen setzt sich die Linie eines Top-Down-Projekts fort.

Besucher*innenzahlen und Investitionsgrundlage

Die Investition von mehr als 20 Millionen Euro stĂŒtzt sich auf jĂ€hrliche Besucher*innenzahlen von 350.000, die von den GrĂŒnen bereits 2024 als erreicht dargestellt wurden. Bislang ist jedoch nicht öffentlich dokumentiert, welche ZĂ€hlweise dieser Zahl zugrunde liegt und welche Datengrundlage verwendet wurde.

Eine transparente Kosten-Nutzen-Darstellung inklusive Folgekosten und Abschreibungen liegt ebenfalls nicht offen vor. Zugleich entstand im Verlauf der Debatte zunehmend der Eindruck, das Informationszentrum sei eine faktische Voraussetzung des UNESCO-Verfahrens. Nach unserer Kenntnis handelt es sich jedoch um eine kommunale Selbstverpflichtung im Rahmen des Managementplans.

Weiterhin ist die Machbarkeitsstudie noch immer nicht öffentlich zugĂ€nglich. Es bleibt unverstĂ€ndlich, warum der Bauplatz auf dem Osthang gegenĂŒber des Nordplateaus ausgewĂ€hlt wurde – insbesondere unter dem Fehlen der Kriterien der Nachhaltigkeit und des Naturschutzes Hier sollte klar zwischen internationaler Vorgabe und politischer Entscheidung unterschieden werden. Wir erinnern: Das Welterbe-Shuttle ließ sich wegen fehlender Nachfrage einstellen – bei einem Bauwerk dieser GrĂ¶ĂŸenordnung ist ein solcher Schritt nicht ohne Weiteres möglich.

Politische PrÀsenz

Wir hĂ€tten uns in dieser Situation eine sichtbare politische PrĂ€senz und direkte GesprĂ€chsangebote der Parteien gewĂŒnscht, die das Informationszentrum beschlossen haben und politisch tragen. Wer Mehrheiten organisiert, trĂ€gt auch Verantwortung fĂŒr die gesellschaftlichen Folgen.

Fazit

Der heutige Tag markiert einen tiefen Einschnitt. Doch die inhaltlichen Fragen bleiben: Transparenz, Beteiligung, finanzielle und ökologische Nachhaltigkeit und eine Stadtentwicklung, die Vertrauen schafft, statt Konflikte zu vertiefen. Stadtentwicklung braucht nicht nur Mehrheiten, sondern nachvollziehbare BegrĂŒndungen und ĂŒberprĂŒô€†Ÿare Grundlagen.


Mehr ĂŒber den Protest am Osthang unter https://wald-statt-asphalt.net/osthang-bleibt/

Bilder und Videos der RĂ€umung findet ihr in unserem Osthang Story Highlight auf Instagram.

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