Polizei erniedrigt Aktivist*innen bei Räumung des Osthangs
Von außen betrachtet, wirkte die Räumung des Osthangs eher deeskalativ. Nun aber wurden Erlebnisberichte der geräumten Aktivist*innen veröffentlicht, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Sie dokumentieren schwerwiegende Übergriffe, die sich fernab jeder öffentlichen Kontrolle ereigneten und das Vertrauen in rechtsstaatliches Handeln zutiefst erschüttern.
Die folgenden anonymen Erfahrungsberichte uns wurden von der ehemaligen Osthang-Besetzung übermittelt.
Triggerwarnung: Für Menschen, die selbst Polizeigewalt erlebt haben, könnten die Berichte belastend sein.
Bei 2 Grad Celsius nackt auf dem Boden fixiert
»Nachdem ich aus dem besetzten Osthang geräumt war, wurde ich von Polizisten über einen Hintereingang in die sog. Mainhall getragen. Dort war ich vor allen Blicken von außen abgeschirmt. Keine Demonstrierenden, keine Presse, keine parlamentarische Beobachter*innen hatten Zugang. Mit mir im Raum waren 30 vermummte Cops mit Helmen und zwei geräumte Aktivisti, die auf der anderen Seite von der Polizei malträtiert wurden.
Ein Cop mit Befehlsgewalt kam auf seine Handlanger zu und sagte etwas von wegen „jetzt zeigen wir es [dem Menschen] aber so richtig“. Im Anschluss wurde ich von einem Polizisten flach auf den Boden gedrückt und mit einem Knie oberhalb des Schulterbereichs fixiert. Meine Arme und Hände wurden festgehalten; mein Kopf lag auf dem kalten Holzboden.
Nachdem meine Jackentaschen ausgeleert waren und mein Oberkörper bis auf wenige Schichten ausgezogen war, wurde sich meinem Unterkörper zugewandt. Während 10 Cops o.Ä. wie in einem Kessel um mich herum standen und mich ansahen, wurde mir mindestens 6-7 Mal in den Schritt gelangt. Einmal während ich auf meiner linken Seite lag und meine Hose noch an hatte. Dann wurde mir die Hose ausgezogen und es wurde über meine lange Unterhose gefahren. Dann wurde auch diese ausgezogen. Und dann das Ganze noch einmal, während ich auf meiner rechten Seite liegen musste. Zum Schluss wurde mir vor den Augen aller Umstehenden auch die Unterhose heruntergezogen.
Ich kann nicht eindeutig wiedergeben, wie lange ich da insgesamt in der Kälte auf dem Boden lag. In solchen Momenten der totalen Machtlosigkeit und des Missbrauchs der Selbstbestimmung über seinen eigenen Körper, ist man glaube ich nur damit beschäftigt, die Situation irgendwie zu überstehen. Man verlässt seinen eigenen Körper, versucht so viel wie möglich von dem, was gerade mit einem passiert, auszublenden und sucht irgendwie nach Schutzmechanismen, um einen Umgang damit zu finden. Auch darüber zu schreiben ist nicht leicht, weil es diese Erinnerungen wieder so präsent werden lässt.
Aber vor allem ist es schwer zu wissen, dass das keine Ausnahme ist, sondern die Regel. So eine Erfahrung ist nur die Spitze des Eisbergs in einem Apparat mit einem solchen Gewaltmonopol. Einem Apparat, der strukturell Menschen anzieht, die ihre Macht- und Unterdrückungsphantasien ausleben wollen. Einem Apparat, der von Rassismus, Klassismus und Sexismus durchsetzt ist. Und einem Apparat, der ungestört agieren und all dies ausleben kann, so lange er seiner zentralen Aufgabe nachkommt: die bestehenden Verhältnisse zu schützen.«
Gehirnerschütterung und sexistische Übergriffe
Bei der Räumung einer Person sagte ein Klettercop zu seinem Kollegen „[dem Menschen] gehen wir jetzt richtig an den Kragen“ und schubste den Menschen mit dem Kopf gegen einen Holzbalken. Am Tag darauf wurde aufgrund dessen eine Gehirnerschütterung ärztlich diagnostiziert. Danach schlug der Cop dem Menschen noch zweimal mit dem Ellenbogen ins Gesicht.
Beim Anbringen des Gurtes sagte der Cop, er möchte dem Menschen nicht zwischen die Beine fassen und tat es daraufhin trotzdem. Als die Person auf den Boden gebracht wurde, fasste der Klettercop ihr an den Hintern, grinste sie an und fragte, ob sie eine gute Fahrt hatte. Im zwischenzeitlichen Gewahrsam wurde ihr beim Abtasten die Mütze über die Augen gezogen, damit sie nichts sehen konnte.
Gewalt im Gefangenentransporter
Eine Person ist nach der Räumung freiwillig zum Gesa-Transporter gelaufen. Dort wurde sie trotzdem von Cops geschubst, gepackt, ins Gesicht geschlagen und getreten. Danach wurde sie auf den Boden des Transporters gedrückt. Der Person wurden Handschellen angelegt und so festgezogen, dass dabei die Hände anfingen, lila anzulaufen.
Die Cops haben auf dem Hintern und den Handschellen der Person gekniet, während sie auf dem Bauch lag und keine Luft mehr bekommen hat. Dabei wurde ihr Kopf so hart auf den Boden gedrückt, dass sie fast ohnmächtig geworden ist. Der Gesa-Transporter ist mit ihr in Handschellen auf dem Boden losgefahren, sodass anschließend der Kopf gegen die Tür geknallt ist.
Wald statt Asphalt fordert Konsequenzen
Am Tag vor der Räumung fragte ein Sprecher der Mahnwache den Ordnungsdezernenten der Stadt Darmstadt, Paul Georg Wandrey (CDU), ob er dafür sorgen wird, dass die Polizei bei der Räumung rechtmäßig vorgeht. Seine Antwort: „Das ist Sache der Polizei.“
Wir verurteilen das Vorgehen der Polizei zutiefst und fordern eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle und Konsequenzen für die betroffenen Beamten!
Mehr über den Protest am Osthang unter https://wald-statt-asphalt.net/osthang-bleibt/
